24. Mai -  Tag der Kyrillischen Schrift in Bulgarien

Bulgarien erfreut sich eines einzigartigen Nationalfeiertages der Kultur und Bildung!

Jedes Jahr werden am 24. Mai die Begründer des Kyrillischen Alphabets,

die Gebrüder Kyrill und Method gefeiert.

 

 

 

Die heiligen Kyrill und Method

Nikola Vassilev, Ikone, 1869, Museum der Ikonenmalerei Varna

 

 

Wenn du die griechischen Buchgelehrten danach fragst, wer und wann ihre Buchstaben geschaffen hat und ihre Bücher übersetzt hat, dann wissen es die wenigsten. Wenn du aber dieselbe Frage den slawischen Schüler stellst, wirst du sofort folgende Antwort zu Gehör bekommen: „Der hg. Konstantin Philosoph, genannt Kyrill schuf unser Alphabet und sein Bruder Method übersetzte unsere Bücher.“

Tschernorisez Hrabar (Mutiger Mönch) im Traktat „Über die Buchstaben“ aus dem Ende des 9.Jh

 

Und so ist es heute noch in Bulgarien, voller Stolz nennt jeder Bulgare Kyrill und Method als die Begründer seiner Schrift!

 

Kyrill und Method, die zwei Gelehrten, von denen die slawische Schrift geschaffen wurde, stammen aus Griechenland: Ihr Vater war Armeeverwalter von Thessaloníki und wie sie selbst in ihrer Lebensgeschichte erwähnen, ein Nachfahre des königlichen Geschlechts Bulgariens. Sie genossen die hohe Ausbildung in der Magnaurischen Schule Konstantinopel. Im Jahre 863 erdachten sie im Auftrag des byzantinischen Kaisers ein neues, ein slawisches Alphabet. Der Fürst von Großmähren Rostislav hatte sich an Kaiser Michael III. mit der Bitte um geistliche Gelehrte und eine eigenständige Liturgie gewandt, um so den deutschen Einfluss auf sein Land zu beschränken. Der mährische Staat war im 9. Jh. auf dem Gebiet der heutigen Slowakei entstanden und bald stießen seine Grenzen an das mächtige Frankenreich und an das aufblühende Bulgarien. Kyrill und Method hatten 867 beim Papst Hadrian II. um die Erlaubnis ersucht, das Christentum in slawischer Sprache zu verbreiten.

 

Die dogmatische Beschränkung der Kirchensprache auf die Dreiheit Hebräisch, Griechisch und Latein war gefallen!

 

Rostislav wurde jedoch 870 gestürzt und auf Betreiben der Bischöfe von Passau und Salzburg ließ König Ludwig der Deutsche Method in das Kloster Ellwangen einsperren. Erst der neue Papst, Johannes VIII. veranlasste seine Freisetzung, verbot jedoch die Verwendung der slawischen Sprache in der Kirche. Im Jahre 880 reiste Method erneut zum Papst und hatte Erfolg für sein Werk. Doch nach seinem Tod drehte der Weihbischof von Bayern Vihing erneut das Geschichtsrad zurück. Die Schüler Kyrills wurden aus Großmähren vertrieben, eingekerkert oder als Sklaven verkauft.

 

Vier Protagonisten der neuen Schrift für Bulgarien Kliment, Naum, Angelarij und Lawrentij gelangten nach Belgrad, der damals westlichsten Festung des Landes, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden.

 

Khan Boris I. hatte bereits 865 das Christentum für Staatsreligion in Bulgarien erklärt, ließ sich taufen und regierte als Fürst Michael ein aufstrebendes slawisches Land. Michael erkannte nun die einmalige Chance, die das neue, slawische Alphabet für die schnelle Vollendung der Missionierung und für die Festigung des selbständigen bulgarischen Staates in der christlichen Welt bot. Er förderte das Schrifttum und bald wurde der Gottesdienst selbst in den entlegensten Winkeln seines Reiches in bulgarischer Sprache gehalten.

 

Die nach dem jüngeren der gelehrten Brüder benannte Kyrillische Schrift übernahmen nach Bulgarien auch andere slawische Länder - als größtes Rußland:

 

Der Kiewer Fürst Wladimir führte das Christentum zum Ende des 10. Jh. ein. Unter dem Einfluss des bulgarischen Ochrid behauptete sich die slawische Liturgie und gottesdienstliche Sprache. Seit jener ferner Zeit verbindet Bulgaren und Russen eine gegenseitige Hochachtung und echte Freundschaft. Nachdem Bulgarien und die Kiewer Russ 968 gegeneinander Kräfte gemessen hatten, verbündeten sie sich für lange Zeiten gegen Byzanz. In der neueren Geschichte waren es die Russen, die Bulgarien 1878 von der osmanischen Fremdherrschaft befreiten.

 

Unter den Osmanen hatten die Bulgaren zwar ihre Religion behalten dürfen, wurden aber mit offener Brutalität als „Raja“ (Türkisch für Herde) bezeichnet und auch so behandelt. Das einzige, was sie durften, war produzieren, was man auch als Sklaverei bezeichnen könnte - und grausame Steuern zahlen. In die über 1300jährige Geschichte Bulgariens zurückblickend, muß der traurige Fakt genannt werden, das die Hälfte der Zeit, die Bulgaren unterworfen leben mußten: seit 1018 für fast 200 Jahre unter Byzanz und seit 1396 für fast ein halbes Jahrtausend unter dem Osmanischen Reich.

 

Über all die dunkle Zeiten half den Bulgaren das Wissen über eine ruhmreiche Vergangenheit und der Stolz, eine eigene Sprache und Schrift zu besitzen, hinweg.

 

„Das Werk von Kyrill und Method hat nicht nur für das Slawentum Bedeutung, sondern auch für den Fortschritt der gesamten Menschheit. Seine Ideen - Humanismus, Demokratie und Gleichberechtigung der Völker - haben noch heute Gültigkeit“ (Wassil Wassilew). Von der orthodoxen Kirche wurden Kyrill und Method bereits Ende des 9. Jh., von der katholischen - erst 1880 heilig gesprochen. Papst Johannes Paul II. hat die zwei Glaubensboten wegen ihres Beitrages zur Versöhnung und das zusammenleben der Völker im Jahre 1980 zu Mitpatronen Europas erklärt.

 

In Deutschland erhebt sich seit dem Heiligen Jahr 2000 auf der Anhöhe vom sorbischen Schmochtitz ein überlebensgroßes Denkmal mit den Figuren dieser slawischen Geistlichen.

Der orthodoxe Kalender weist gegenwärtig drei Gedenktage für die Begründer des slawischen Schrifttums auf: 14. Februar - Verfolgung des Heiligen Kyrills, 6. Mai - Verfolgung des heiligen Method und 11. Mai - Kyrill-und-Method-Tag.

 

Seitdem Staatsfeiertage begangen werden, ist der 24. Mai in Bulgarien der Tag der Kyrillischen Schrift.

 

Zur sozialistischen Zeit wurde dieser einzigartige Kulturfeiertag mit den üblichen Demonstrationszügen begangen: auf den zahlreichen Transparenten waren Gott sei Dank! keine politischen Parolen zu lesen, sondern Bilder und Schriftzüge zu den Buchstaben und Schriftstellern Bulgariens. Dennoch waren dies befohlene Aufmärsche.

 

 

Heute finden am 24. Mai keine Demonstrationen mehr statt. Der Tag ist nach wie vor arbeitsfrei für alle, für den Bildungssektor schließt sich auch der 25. Mai als Freiertag an. Begangen wird das beliebte Fest durch unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen: z.B. in den Schulen mit Vorführungen der Kinder während der gesamten Woche zuvor, oder direkt am Feiertag mit Kulturprogrammen in den Zentren der Städte - ohne Eintritt.

 

Die gesamte Nation eines kleinen Landes fühlt sich jedes Jahr am 24. Mai ganz groß!

 

Kamen Pawlow

 

 

Buch Manassiev

1345, Pergament in Kyrillischer Schrift mit Szenen aus der

Geschichte Bulgariens, Rom, Bibliothek des Vatikans

 

 

Veröffentlicht am 24.05.2004 gekürzt in der Thüringer Allgemeine (Hintergrund) unter dem Titel

 

Feier für Kyrillisches Alphabet

 

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